Sozialdemokratischer Aufbruch Modernisierung
der Programmatik vorgelegt zum netzwerk-Treffen im Mai 2000. von Kerstin Griese sowie Hubertus Heil, Carola Reimann, Hans-Peter Bartels, Christian Lange, Birgit Roth, Michael Roth, Carsten Schneider, Karsten Schönfeld und Rolf Stöckel (Netzwerk Berlin). |
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I. Zukunft der Programmpartei Auf der Basis ihrer Grundwerte muss die SPD ein neues politisches Leitbild entwerfen, das den Anforderungen unserer Zeit entspricht. Zu den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen, auf die die SPD Antworten formulieren muss, gehören u.a. das Ende der bipolaren Weltordnung nach 1989, die Deutsche Einheit, die neue internationale Verantwortung Deutschlands in Europa und der Welt, die wirtschaftliche Globalisierung und der rasante technische Fortschritt. Zu klären ist die Rolle des Staates wie auch das Verhältnis von Eigenverantwortung und Solidarität, von Freiheit und Verbindlichkeit, Flexibilität und Sicherheit. Stärker wird die Gerechtigkeit zwischen den Generationen zu betonen sein. Auch weiterhin darf das Grundsatzprogramm der SPD kein dogmatisches Bekenntnis sein. Es muss vielmehr langfristige politische Orientierung geben und als gemeinsame politische Plattform der Partei Identität stiften. Ohne grundsätzliche programmatische Verständigung in der SPD, droht die Politik unserer Partei sich in tagespolitischen Problemlösungsversuchen zu erschöpfen und der politischen Beliebigkeit zu verfallen. Auf dem Weg zu einem neuen Grundsatzprogramm sollten neue Wege des Dialogs in der Partei und mit breiten Kreisen der Gesellschaft erprobt werden. Ein neues Grundsatzprogramm sollte rechtzeitig vor der nächsten Bundestagswahl, also etwa Frühjahr 2002, verabschiedet werden. Es gibt keinen Grund den Beginn der Programmarbeit und den abschließenden Parteitag aufzuschieben. II. Volkspartei in der Mitte der Gesellschaft Die Stärke
der SPD war und ist ihre Verankerung in der Gesellschaft. Dennoch geht die Bindekraft
aller Institutionen des gesellschaftlichen Zusammenhalts in der sich individualisierenden
Dienstleistungsgesellschaft zurück. Für die SPD als Volkspartei gilt
es, sich wieder stärker in einer Gesellschaft zu verankern, in der sich hergebrachte
Strukturen rasant verändern. Dazu gehört, dass sich die Partei, sowohl
was ihre Inhalte als auch ihre Organisation betrifft, stärker gegenüber
gesellschaftlichen Entwicklungen öffnet, um in der Lebenswirklichkeit der
Menschen eine Rolle zu spielen. Die SPD muss Dialogfähigkeit und Präsenz
nicht nur gegenüber gesellschaftlichen Organisationen, sondern auch gegenüber
Einzelnen, bieten. Dabei sollte sich die SPD der Möglichkeiten der neuen
Informations- und Kommunikationstechnologien bedienen. Zudem sollten die SPD-Geschäftsstellen
zu Informations- und Servicestationen für die Bürgerinnen und Bürger
ausgebaut werden. Darüber hinaus muss sie dafür sorgen, dass die Präsenz
und Ansprechbarkeit ihrer Vertreterinnen und Vertreter in den Bereichen der Gesellschaft
organisiert wird, die die Partei bisher unzureichend erreicht hat. III. Als Mitgliederpartei bestehende Potentiale aktivieren und neue erschließen Eine zentrale
Aufgabe ist es, die SPD als Mitgliederpartei zu erneuern. Die Mitgliederentwicklung
in den nächsten Jahren wird aufgrund der Altersstruktur der Partei negativ
sein. Dazu kommt, dass in der Partei immer weniger Mitglieder die Möglichkeiten
der Beteiligung finden, die ihren Bedürfnissen entsprechen. Die Partei sollte
diese Entwicklungen nicht als zwangsläufig hinnehmen, sondern ihnen entschieden
entgegenwirken. Es gilt, bestehende Potentiale in der SPD-Mitgliedschaft für
die Partei stärker zu nutzen und neue Mitglieder zu gewinnen, die bisher,
aufgrund von bestehenden Defiziten in der Ansprache und einer weitgehend fehlenden
professionellen Mitgliederwerbung, noch nicht erreicht wurden. IV. Die Jugend gewinnen Die älteste
demokratische Partei Deutschland hat in mehrerlei Hinsicht ein Jugendproblem.
Nur etwa 80.000 SPD-Mitglieder sind heute jünger als 35 Jahre (in den 80er
Jahren waren es noch mehr als 300.000), vielerorts sind Gremien und Fraktionen
der Partei überaltert. Auch bei jüngeren Wählerinnen und Wählern
hat die SPD ein starkes Mobilisierungsproblem. Bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen
lag die Partei bei jüngeren Wählerinnen und Wählern um 10 Prozent
unter ihrem Gesamtergebnis. Es muss aber in
Zukunft noch sichtbarer werden, dass die SPD sich nicht nur um junge Leute als
Wählerinnen und Wähler bemüht, sondern dass Jüngere auch in
der Partei selbst mitbestimmen über sozialdemokratische Politik und Jüngere
auch für die SPD sprechen. Zur Gewinnung jüngerer Mitglieder, Funktions-
und Mandatsträger verhilft jedoch am wenigsten die Anbiederei an vermeintlich
coole Jugend-Sprache und Mode. Die SPD sollte sich nicht billig
machen, sondern sie sollte das Besondere, das Wertvolle, die Anstrengung des demokratischen
Engagements betonen. Was die SPD ansprechen muss, sind Verantwortungsbewusstsein,
Solidaritätsbereitschaft und Veränderungswille der jungen Menschen.
Davon ist auch heute weit mehr vorhanden, als manche sich vorstellen können.
Die Erneuerung der Partei jetzt diskutieren und umsetzen Die Zeit für eine grundlegende Erneuerung der SPD ist reif. Die Vorschläge von Franz Müntefering sollten zusammen mit der anstehenden Programmdebatte als ein Startschuss für diesen Prozess begriffen werden. Mit diesem Papier wollen wir dazu einen ersten Beitrag leisten. Die gesamte Partei ist aufgerufen, sich an der Erneuerung der SPD aktiv zu beteiligen. |
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