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Die
140-jährige Geschichte der Sozialdemokratie bestand und besteht darin, unter
sich ständig verändernden Bedingungen und Möglichkeiten soziale
Gerechtigkeit für möglichst viele Menschen zu verwirklichen. Das ist
unser Auftrag und wird es auch in Zukunft sein.
Eine Botschaft
in der Debatte über soziale Gerechtigkeit und Sozialabbau
ist besonders fatal: Es wird der Eindruck vermittelt, mit dem Sozialstaat der
siebziger und achtziger Jahre sei alles in Ordnung gewesen, wir hätten jetzt
nur weniger Geld und es müsse nur der Aufschwung kommen. Dann würde
alles wieder gut.
Wir sagen aber,
was Tatsache ist: Unser Sozialstaat, für viele das Erfolgsmodell der alten
Nachkriegs-Bundesrepublik, wird seinen Aufgaben immer weniger gerecht und hat
die Grenzen der Finanzierbarkeit längst überschritten. Bilanz, Kritik
und Reformbedarf unterscheiden sich naturgemäß je nach Teilinteressen,
Gesamtschau und politischen Zielen.
Die Glaubwürdigkeit
des Sozialstaates ist längst erschüttert. Die, die mehr zahlen sollen,
befürchten, in Zukunft weniger zu bekommen. Beitrags- und Steuerzahler sind
nicht nur wegen der zunehmenden Schattenwirtschaft und falscher Anreize demoralisiert.
Die Betroffenen sind verunsichert und werden meist für ihre Lage selbst verantwortlich
gemacht.
Ein Staat, der
114 Milliarden Euro allein für Schuldzinsen und Steuerzuschüsse zu den
Renten und nur 12 Milliarden Euro für Forschungs- und Bildungsinvestitionen
ausgibt, ist für die jüngere Generationen nicht mehr akzeptabel. So
weitet sich die Krise des Sozialstaats immer mehr zur Krise des gesamten politischen
Systems aus. Der Sozialstaat darf nicht nur heute, er muss auch morgen und übermorgen
noch in der Lage sein, existentielle Lebensrisiken seiner Bürger abzusichern.
Das europäische
Sozialstaatsmodell, von der Linken als globales Projekt angestrebt, muss
anders aussehen, als das deutsche, wenn es überzeugen will.
Ein strukturkonservatives
weiter so! wird zum Scheitern führen. Ein Ergebnis, wie es sich
die neoliberalen Totengräber jenseits der Sozialdemokratie wünschen.
Der deutsche Versorgungs-
und Sozialstaat, einst von Bismarck als Mittel gegen die gemeingefährlichen
Bestrebungen der Sozialdemokratie eingeführt und von Adenauer bis Schröder
zum korporativen Modell Deutschland entwickelt, erzeugt seit Jahren
Fehlentwicklungen und Widersprüche:
Armut
und Arbeitslosigkeit werden mehr verwaltet als bekämpft. Statt Soziale Integration,
Teilhabe und Selbstbestimmung zu fördern, wird Benachteiligung, Ausgrenzung
und eine Kultur der Klientelisierung im Wohlfahrtsstaat verfestigt.
Die innere Aufspaltung ganzer Stadtteile nimmt alarmierend zu.
Die
Fixierung der Bürokratie und Verbände auf nachsorgende, möglichst
hohe Geldleistungen und lange Bezugsdauer bei Vernachlässigung aktivierender
persönlicher Hilfen mindert die Motivation von Betroffenen, unter eigener
Mitwirkung Notlagen zu überwinden.
Bürokratie
und Hilfesysteme sind reaktiv und oft ineffizient, zu wenig vernetzt und kundenorientiert.
Nicht die Überwindung von Problemen durch innovative Gemeinwesenarbeit, sondern
die Erhaltung und Entdeckung von Problemen im Eigeninteresse prägen meist
die Motivationen der Träger und Fachkräfte.
Lohnarbeitsfixierung,
langfristig kontraproduktive Interventionen wie die Frühverrentung sowie
staatliche Leistungen unabhängig vom Einkommen und Vermögen stoßen
eindeutig an ihre Finanzierungsgrenzen, während die Fortentwicklung von Rechtsansprüchen
und Leistungen immer mehr eine Schattenwirtschaft unterstützt und diejenigen
fördert, die materiell und intellektuell besser in der Lage sind, diese Ansprüche
durchzusetzen.
1 Die Agenda
2010 Ein erster Schritt
Die aktuelle Orientierungskrise
und der erbitterte Streit in der SPD und im linken sozialpolitischen Umfeld überraschen
nicht. Trotz Gegenwind gibt es wenig zu entschuldigen. Nicht aus Geldmangel, sondern
vor allem wegen unserer Grundwerte und Ziele haben wir keine andere Perspektive,
als den Konflikt um die Agenda 2010 offensiv zu führen und für ein neues
Sozialstaatskonzept zu werben.
Bis zur Regierungserklärung
Gerhard Schröders am 14. März 2003 wurde eine umfassende und realistische
Darstellung der Sozialstaatskrise und notwendiger Handlungsoptionen verharmlost,
vermieden oder durch Formelkompromisse verdeckt. Das hin und her der Notoperationen
ohne nachhaltige Systematik, das Zurückzucken vor den Lobbyisten
und ein fehlendes Leitbild haben unsere Probleme noch verschärft. Notwendige
ökonomische Anpassungen, nicht nur im globalen Wettbewerb, gelten vielen
nicht als gemeinwohlorientiert, sondern werden als zu kapitalfreundliche
Politik angegriffen; wie überhaupt im traditionalistisch-linken Bewusstsein
die Sozialpolitik nur eine Verteilungspolitik zu sein scheint, Produktivität
und Wachstumsförderung hingegen zum Bereich der Wirtschaftspolitik gehören.
Diese Sichtweise liegt aber weder im Interesse der Beschäftigten, noch der
Ausgegrenzten sie ist schlicht falsch.
Das Sozialstaatskonzept,
das hinter den ersten Schritten der Agenda 2010 steht, muss konsequent weiterentwickelt
werden. Es ist überzeugend und wird sich durchsetzen, weil es von seiner
Philosophie und seinen praktischen Instrumenten präventiv, aktivierend und
investiv angelegt ist. Neben den bereits seit 1998 vorgenommenen Veränderungen
bei der Alterssicherung und in der Familienpolitik stellen die aktuellen Reformen
auf dem Arbeitsmarkt und in den sozialen Sicherungssystemen erste Schritte einer
wirklich durchgreifenden Veränderung des Sozialstaats der Nachkriegszeit
dar. Es geht um Verteilungs- und Chancengerechtigkeit, um den konsequenten Abbau
von Faktoren, die für die Ausgrenzung von Menschen aus Arbeit und Gesellschaft
verantwortlich sind, um die konkrete Gleichstellung von Männern und Frauen,
von Aus- und Inländern, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie
um gleiche Entwicklungs- und Bildungschancen für alle Kinder. Das Sozialstaatsgebot
und der Kampf um die Menschenwürde werden durch dieses Konzept nicht aufgegeben,
sondern konsequent und nachhaltig verfolgt.
Wir müssen
allerdings darauf drängen, dass der Paternalismus des fürsorglichen
Wohlfahrtsstaates nicht vom Paternalismus des erhobenen Zeigefingers
abgelöst wird.
2 Der Sozialstaat
der Zukunft
Wir brauchen nicht
weniger Sozialstaat, sondern einen anderen und intelligenteren. Unsere Sozialsysteme
werden wir nicht mehr allein daran messen können, wie hoch die finanziellen
Transfers sind, die er organisiert. Sondern es geht darum, wie aktivierende und
investierende Hilfen für Menschen ganz konkret eingesetzt werden.
Unser heutiges
Sozialstaatsmodell beruht immer noch auf den Prinzipien der klassischen industriellen
Arbeitsgesellschaft, wo garantierte Vollbeschäftigung für den männlichen
Teil der Bevölkerung, das Normalarbeitszeitverhältnis sowie eine lebenslange,
ununterbrochene Erwerbsbiografie in einem Beruf noch selbstverständlich waren.
Das ist Geschichte.
Einst reichte es
aus, dass der Sozialstaat seine Funktion als soziales Netz erfüllte.
Heute dagegen, in einer komplett veränderten Welt, bräuchten wir weit
mehr als ein soziales Netz nämlich ein Trampolin,
das die Menschen zurück in die Erwerbsarbeit katapultiert.
Leider wirkt der
heutige Sozialstaat aber nur in Ausnahmefällen als Trampolin.
Denn er wurde für die beiden sich entgegenstehenden Alternativen Sozialleistung
oder Normalarbeitsverhältnis konzipiert. Längst aber ist
der Sprung in ein Normalarbeitsverhältnis für viele Menschen zu groß
geworden. Und ein allmählicher Einstieg in die Erwerbsarbeit ist unserem
Sozialsystem bislang wesensfremd. Wer eine Beschäftigung annimmt, verliert
deshalb weitgehend seine Ansprüche auf Sozialleistungen: Die Menschen sind
gefangen in der Armutsfalle.
Deswegen müssen
finanzielle Leistungen grundsätzlich so gestaltet werden, dass sie mit einem
Erwerbseinkommen kombinierbar sind. Die Verminderung der Leistungen an den Einzelnen
darf immer nur schrittweise geschehen und muss sowohl den Einstieg als auch langfristigen
Verbleib in einer Erwerbstätigkeit belohnen.
Wer nicht in der
Lage ist, erwerbstätig zu sein, braucht und bekommt staatliche Unterstützung.
Mit der Einführung der Grundsicherung haben wir dafür einen richtigen
Schritt hin zu einem menschenwürdigen Umgang mit Älteren oder behinderten
Menschen gemacht, die dauerhaft nicht erwerbsfähig sein können. Und
für uns ist auch klar: Wer Unterstützung und Hilfe zu einer neuen Chance
braucht, muss diese bekommen, auch mehrmals im Leben. Nicht das neoliberale Jeder
ist seines Glückes Schmied gilt, sondern Hilfe zur Selbsthilfe;
Fördern und Fordern ist unsere Leitlinie.
Insgesamt brauchen
wir einen Umstieg von einem abgabenfinanzierten auf einen steuerfinanzierten Sozialstaat.
Immer noch belohnen wir den Abbau von Arbeitsplätzen mit einer Art Prämie,
nämlich die Entlastung von den Lohnnebenkosten, die ein Betrieb nach Entlassungen
einspart. Gerade im Vergleich mit unseren EU-Nachbarn sind bei uns die auf dem
Faktor Arbeit lastenden Abgaben zu hoch, während die Steuerlast
insbesondere im Bereich der indirekten Steuern moderat ist.
Wir brauchen eine
steuerfinanzierte, bedarfsabhängige Grundsicherung als Basis unseres Sozialsystems.
Wer zeitweise nicht erwerbstätig sein kann, braucht eine verlässliche
Grundlage für die eigene soziale Sicherung. Und vor allem: Er und sie benötigen
eine lohnende Perspektive, um wieder in die Erwerbstätigkeit einzusteigen.
Wir brauchen deshalb die Neujustierung des Drei-Säulen-Modells
aus steuerfinanzierter Grundsicherung, beitragsfinanzierter anteiliger Sicherung
des erreichten Lebensstandards plus Leistungen aus der geförderten betrieblichen
und privaten Vorsorge. Die Aussicht auf Rentenzahlungen, die unterhalb eines Sozialhilfeniveaus
liegen, sind genauso beschäftigungshemmend und ungerecht wie eine Steuerklasse
V, die besonders Frauen ungeheuer hohe Steuerabzüge auferlegt.
Es muss uns gelingen,
mehr Jobs zu schaffen. Dies ist nicht durch gelegentliche, populistisch anmutende
Zwangsmaßnahmen gegen Arbeitslose zu bewerkstelligen. Sozialpolitik nicht
als primär karitative Aufgabe, sondern als Bestandteil der Wirtschaftspolitik
zu sehen, hat dagegen durchaus einen arbeitsplatzschaffenden Effekt. Zumal damit
auch ein Wachstumsschub verbunden wäre, denn die vergleichsweise geringe
Zahl von Arbeitsplätzen in Deutschland erweist sich im Vergleich zu unseren
Nachbarn als Konjunkturhemmnis.
Neue Jobs müssen
dabei auch im Niedriglohnbereich, gerade im Dienstleistungssektor, entstehen.
Da haben wir erheblichen Nachholbedarf. Wenn wir durch die Festsetzung eines gesetzlichen
Mindestlohnes Dumping verhindern, schaffen wir eine Vielzahl neuer Einstiegsmöglichkeiten
in den Arbeitsmarkt.
Wir sind der Überzeugung,
dass wir um den Weg niedrig bezahlter Jobs, die mit Sozialtransfers verknüpft
sein können, auch dauerhaft nicht herumkommen. Denn die Alternative wäre,
ganze Stadtteile und dort aufwachsende Generationen von der gesellschaftlichen
Entwicklung abzukoppeln.
Aber es geht nicht
nur um gering bezahlte Arbeit und neue Beschäftigungssektoren, sondern auch
um eine bessere Verteilung der Arbeit. In Deutschland arbeitet der Einzelne im
EU-Vergleich eher zu viel als zu wenig. Der Grund dafür ist die geringe Verbreitung
von Teilzeitarbeit, insbesondere bei den Männern. Auch dabei ist unser Bismarckscher
Sozialstaat ein Hemmschuh, da er die Vollzeitarbeit bevorzugt.
Teilzeittätigkeiten
und im Sinne der Erwerbstätigen flexiblere Arbeitszeiten sind
für eine familienfreundlichere Gesellschaft unerlässlich. Der Rückgriff
auf das Bild eines rund um die Uhr seinem Betrieb zur Verfügung stehenden
Angestellten entzieht einer modernen Gesellschaft die Zukunftsperspektive. Denn
so werden die Kinder in den durch Erwerbslosigkeit geprägten Stadtteilen
an den Rand unserer Gesellschaft gedrängt.
Gerade in der Familienpolitik
wird deutlich, wie wenig finanzielle Transferzahlungen bei denen Deutschland
weit oben steht bewirken. Direkte Hilfen, ein Ausbau der Betreuungs- und
Bildungsinfrastruktur auf das Niveau unserer EU-Nachbarn, hätten allemal
einen größeren Effekt für die Zukunft unserer Gesellschaft. Das
würde dem sich wandelnden Rollenverständnis von Frauen und Männern
sowie einer echten Chance auf gleichberechtigte Teilhabe an Familie, Arbeit, Karriere,
Freizeit und gesellschaftlichem Engagement gerecht werden.
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